"Es soll die Menschen froh machen"

Jugendseelsorgetagung 2020 diskutiert zu Liebe, Sexualität und Geschlecht in der kirchlichen Jugendarbeit

„Junge Menschen, egal welcher sexuellen Orientierung, brauchen die unverbrüchliche Zusage, dass sie angenommen sind, wie sie sind. Wir glauben, dass Gott alle Menschen gleich liebt, daher darf die Kirche nicht gegen ihre eigenen Grundsätze handeln und Menschen ausschließen und diskriminieren“, formuliert Nadine Maier, Diözesanjugendseelsorgerin BDKJ/BJA in Rottenburg-Stuttgart, die Position der katholischen Jugendverbände. Gerade in der Phase, in der junge Menschen zu ihrer Identität finden, dürfe Sexualität in all ihren Dimensionen nicht tabuisiert werden, ergänzt Miriam Lay, ehrenamtliche Diözesanleiterin der Katholischen jungen Gemeinde (KjG). Die Amtskirche entfremde sich mit ihrer bestehenden Sexualmoral und unverständlichen Sprache sowohl von der bürgerlichen Gesellschaft als auch zunehmend von der eigenen Glaubensgemeinschaft. Hinzu kommt, dass Kirche angesichts der Missbrauchsfälle unglaubwürdig geworden ist und mit einem großen Vertrauensverlust zu kämpfen hat.

Bischof Dr. Gebhard Fürst, der für die abschließende Podiumsdiskussion zu Gast war, stellte sich dort den kritischen Anfragen der Tagungsteilnehmenden. Er beantwortete die Frage nach einem Weg, die Diskrepanz zwischen amtskirchlicher Wertehaltung und der Akzeptanz moderner Lebensweisen zu überbrücken, indem er dafür plädierte, zunächst einmal eine Atmosphäre der Offenheit zu schaffen, in der alle Positionen angehört werden. „Ich bin dafür, Experten in den Synodalen Weg der Deutschen Bischofskonferenz miteinzubeziehen und sich wissenschaftlich fundiert mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, wage jedoch keine Prognose, welches Ergebnis dabei herauskommt.“

In der Zwischenzeit denken die hauptberuflichen AkteurInnen der Jugendpastoral aus Seelsorgeeinheiten, Dekanaten, Schulen, Verbänden und anderen TrägerInnen von Jugendpastoral und Jugendarbeit sowie die ehrenamtlichen geistlichen Leitungen im Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) und seinen Mitgliedsverbänden an Angeboten für einen wertschätzenden Umgang für junge Menschen jeden Geschlechts und sexueller Orientierung weiter. Auf der Jugendseelsorgetagung bekamen sie zahlreichen Input dazu: Moraltheologe Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff erläuterte in seinem Vortrag unter anderem die Dreidimensionalität der Sexualität, in der sie neben der Fortpflanzung auch eine Lust- und Beziehungsfunktion besitzt. „Es geht bei der Sexualethik um die Beziehung und ihre gelebte Qualität, egal in welchem Körper. Grundwerte wie Verantwortung füreinander, Verlässlichkeit, Treue und Solidarität in schwierigen Zeiten gelten somit für alle geschlechtlichen Beziehungen gleichermaßen.“

Sensibilisiert und inspiriert wurden die Tagungsteilnehmer*innen zudem durch den Vortrag von Ayke Böhmer und Alessio Piras von der Beratungsstelle Pro Familia Ludwigsburg zu Einflussfaktoren während der Pubertät und Adoleszenz auf die Entwicklung einer persönlichen Sexualität sowie durch acht Informationsräume zu Geschlecht und Sexualität. Verschiedene Workshops ermöglichten darüber hinaus, sich mit einzelnen Facetten näher zu beschäftigen. Da wurde über „Homosexualität und gelebter Glaube“, „Sexuelle Gewalt und Prävention“, „Sex im Netz“ oder „Rollenklischees in Sprache und Werbung“ gesprochen. Ganz persönliche Einblicke in die Lebensbiographie gaben homosexuelle und transgeschlechtliche ReferentInnen, die von ihrem oftmals leidvollen Weg zur eigenen Geschlechtsidentität und ihrem ambivalenten Verhältnis zur Kirche erzählten.

Allen gemeinsam war es ein Anliegen und zugleich Ansporn, dass die katholische Kirche die Lebensrealität aller Menschen anerkennt und nicht verschweigt. „Es geht darum, dass wir sprachfähig werden im Umgang mit Sexualität, damit wir für junge Menschen Ansprechpartner*innen sein können, um sie in ihrer Lebenssouveränität zu unterstützen“, fasst Nadine Maier vom BJA zusammen. „Und wir müssen mit dieser Sprache und unserem Handeln Vorbilder für eine Kirche sein, die den Grundauftrag nach außen transportiert, die Menschen froh zu machen.“